36 Euro

Es ist Sonntagabend. Die Enddreißigerin, verheiratet, Mutter von zwei Kindern im Grundschulalter, sitzt in ihrem Eigenheim auf der Couch. Der Fernseher, ein recht neues 50-Zoll-Gerät, zeigt »Erin Brokovich«. Sie liebt diesen Film. Liebt Julia Roberts in der Rolle dieser einfachen, idealistischen und so unglaublich starken Frauenfigur. Für ihre Tochter wünscht sie sich, dass diese eines Tages genauso wird. Dass sie sich nichts bieten lässt und für ihre Ideale einsteht.

Während der Film läuft, scrollt sie auf ihrem neuen Smartphone, das sie automatisch durch die Vertragsverlängerung ihres Providers bekommen hat, durch die News auf Facebook. Dort hat sie auch die überregionalen Zeitungen abonniert. »Die Zeit«, die »Süddeutsche«, sie liest diese Artikel gerne. Besonders die Magazin-Beiträge, die sich auf gesellschaftliche Themen fokussieren. Die Theorien diskutieren. Über Frauen. Über die Geschlechter in unserer Gesellschaft. Über Feminismus und Gleichberechtigung. Und ihr Herz geht jedes Mal auf, wenn ein männlicher Journalist dafür eintritt, dass es viel mehr Frauen in Führungsrollen geben müsse. Wenn einmal mehr darauf hingewiesen wird, dass Frauen in Aufsichtsräten unterrepräsentiert sind. Und dass Frauen nach wie vor im Schnitt weniger Geld erhalten, als Männer in den gleichen Positionen. Diese Artikel legen den Finger in die klaffende Wunde unserer Zeit. Einer Zeit, in der immer noch nicht angekommen zu sein scheint, dass Gleichberechtigung nichts anderes meint, als gleiche Berechtigung.
»Ja!«, will sie dann jedes Mal laut ausrufen. Genau so ist es! Nach so vielen Jahren ist die Gleichberechtigung noch immer nicht in der Gesellschaft angekommen. Diese Artikel sprechen ihr aus der Seele. Und sie teilt sie mit Begeisterung. Mit ihren Freunden. Und sie erfreut sich daran, wenn sie Zuspruch von ihnen dafür erfährt. Das gibt ihr das gute Gefühl, dass ihr Umfeld genau so ist, wie es sein sollte. Dass ihr Umfeld Gleichberechtigung lebt.

Als sie am nächsten Morgen um halb acht das Haus verlässt, um erst ihre Kinder zur Schule zu bringen, um anschließend zu ihrer sozialversicherungspflichtigen Teilzeitstelle zu fahren, in der sie umgerechnet 25 Euro brutto die Stunde verdient, legt sie der Putzfrau Geld auf den Tisch. 36 Euro. Für drei Stunden.

*

Als die Putzfrau um neun Uhr das Haus betritt und in die Küche geht, seufzt sie leise. Die Hausherrin ist überaus zuverlässig. In den zwei Jahren, die sie nun für diese Familie arbeitet, hat diese erst einmal vergessen, ihr Geld hinzulegen. Daraufhin hat sie es ihr dann abends vorbeigebracht und sich immer wieder entschuldigt. Und manchmal, wenn sie es nicht passend hat, legt sie ihr auch mehr hin. Mit einem kleinen Zettel, auf dem »Stimmt so!« steht. Das ist nett von ihr. Das machen nicht viele.

Drei Stunden hat sie jetzt Zeit, um das Haus zu putzen. Staubzusaugen, zu wischen, das Bad zu putzen … Als sie die Stelle angefangen hat, haben die Hausherrin und sie eine Liste der Arbeiten angefertigt. So wissen beide, woran sie sind. Das klappt ganz gut. Vor allem ist es in den drei Stunden, die sie hat, auch machbar. Danach muss sie sich beeilen, denn die nächste Stelle wartet schon auf sie. Auch dort wird sie drei Stunden verbringen. Leider nur für zehn Euro. Aber sie kann in ihrer Situation nicht wählerisch sein. Sie ist alleinerziehend, von ihrem Mann hat sie sich vor sechs Jahren getrennt. Viel zu spät, wie sie heute weiß. Aber es hat lange gebraucht, bis sie den Mut aufgebracht hat, diesen Schritt zu gehen. Weil er sie geschlagen hat. Weil er auch ihre gemeinsame Tochter schlagen wollte. Aber am Ende hat sie es geschafft. Und sie ist stolz darauf.

Aber der Preis dafür ist hoch.

Ihr Ex-Mann zahlt den Unterhalt nur unregelmäßig. Auch diesen Monat klafft daher ein Loch von dreihundert Euro auf ihrem Konto. Geld, das sie dringend gebraucht hätte. Für die Klassenfahrt ihrer Tochter. Für ein paar neue Schuhe. Ihr Herz wird schwer, als sie daran denkt, dass sie es ihrer Tochter noch beichten muss. Sie wird wütend sein. Verletzt. Sie ist fünfzehn. Und sie hat sich auf die Klassenfahrt gefreut, denn es wird vermutlich die letzte sein, die sie mit dieser Klasse gemeinsam verbringen wird. Es tut ihr in der Seele weh, dass sie ihrer Tochter diesen Wunsch wahrscheinlich nicht erfüllen kann.

Manchmal, wenn sie nachts auf der Ausklappcouch im Wohnzimmer liegt, muss sie deshalb weinen. Sie würde ihrer Tochter so gern viel mehr bieten können. Aber wie? Sie ist am Ende ihrer Ausbildung schwanger geworden. Und als sie dann drei Jahre später, weil sie sich die KiTa nicht hatten leisten können, wieder arbeiten gehen wollte, war der Weg in ihren Ausbildungsberuf versperrt. Anfang 20 und keine Berufserfahrung seit ihrer Ausbildung. Eine Umschulung vom Amt? Undenkbar. Ihr Mann war da gerade arbeitslos geworden. Sie hatten es sich nicht leisten können, dass sie kein Geld nach Hause brachte. Also ist sie putzen gegangen. Schwarz, damit der Staat ihnen nicht noch mehr Geld wegnahm, das sie dringend zum Überleben brauchten.

Am Anfang war es nur die eine Putzstelle gewesen. Das hatte nicht viel Geld gebracht, aber alles war besser als gar nichts. Schnell schon hatte es sich im Ort herumgesprochen, dass sie schwarz putzte. Heute, während sie jeden Cent braucht, sind es vier Familien, für die sie einmal die Woche den Haushalt erledigt. Knapp fünfhundert Euro, die sie dadurch hat im Monat. Das reicht gerade eben für die Miete ihrer kleinen renovierungsbedürftigen Zwei-Zimmer-Wohnung.

Nachmittags geht sie dann ins Call Center. Für vier Stunden an drei Tagen die Woche. Der Job ist angemeldet. Was ihr das bringen soll, ist ihr jedoch nicht klar. Neun Euro bekommt sie da. Weil sie nicht verkaufen kann. Die Leute, die verkaufen können, bekommen mehr. Provision. Aber ihr fehlt der Mut dazu. Also hat man sie in die Reklamationsstelle gesetzt. Was nett von ihnen ist, denn man hätte sie auch einfach entlassen können.

Zusammen mit dem Kindergeld ihrer Tochter hat sie damit knapp 1.000 Euro. Den Unterhalt des Vaters kalkuliert sie vorsichtshalber nicht mit ein. Darauf ist kein Verlass. Sie hatte mal gehört, dass man diesen Unterhalt einklagen kann. Aber wo? Und woher soll sie nur diese Zeit nehmen? Und die Kraft?

Also hatte sie sich noch eine dritte Stelle gesucht. Am Wochenende. Nachtschicht in der Spielhalle. Aschenbecher ausleeren, Getränke ausgeben. Und die Polizei rufen, wenn die zerschellten Hoffnungen vor den Automaten eskalierten. Auch dort bekommt sie neun Euro. Und den Zuschlag für die Nachtschicht. Das ist gut. Denn auch wenn sie nur eine Nacht pro Woche dort arbeiten kann, verdient sie so ebenfalls vierhundert Euro im Monat. Und manchmal, wenn jemand ausfällt und sie einspringen kann, auch mehr. Dann allerdings schwarz. Und es kommt auch leider nicht so häufig vor, wie sie es gern hätte.

Früher hatte sie mal geträumt. Geträumt davon, wie es wäre, einen ganz normalen Job zu haben. Sozialversicherungspflichtig. Ein eigenes Schlafzimmer wäre auch schön. Und irgendwann mal einen Rentenbescheid in Händen zu halten. Sie ist Mitte dreißig und hat noch nie einen bekommen. Wie denn auch? Nach ihrer Ausbildung hat sie keine Beschäftigung mehr gehabt, mit der sie hätte einzahlen können. An eine weiterführende Altersvorsorge ist erst gar nicht zu denken.

Alles, was sie hat, steckt sie in ihre Tochter. Die soll es mal besser haben als sie. Sie ist ein intelligentes Mädchen. Wenn sie sich nur ein bisschen zusammennähme, könnte sie sogar Abitur machen. Aber die Umstände machen es schwer. Sie streiten sich viel. Wegen des Geldes, das an allen Ecken fehlt. Wegen ihres Vaters. Ihre Tochter ist pubertär. Und damit wütend. Wütend auf ihre Mutter, die ihr so wenig ermöglichen kann. Und wütend auf ihren Vater, der davon jedoch nichts mitbekommt, denn er hat sie seit der Trennung nicht mehr gesehen. Ihre Tochter wirft ihr das vor. Dass sie den Kontakt unterbindet. Dass sie sich überhaupt getrennt hat.

Das stimmt nicht. Aber wenn sie es könnte, würde sie es tun. Ihre Tochter weiß nichts von den Schlägen. Zumindest hofft sie das. So soll es auch bleiben. Also nimmt sie in Kauf, dass ihre Tochter sie dafür hasst, dass ihr Vater sich nicht mehr meldet. Es ist besser so. Deshalb wird sie auch weiterhin schweigen.

Es ist schließlich Freitag, als sie es schafft, ihrer Tochter zu beichten, dass sie sich die Klassenfahrt nicht würden leisten können. Denn es ist immer noch kein Unterhalt auf ihrem Konto eingegangen. Sie kennt ihren Ex-Mann. Es wird auch kein Geld mehr kommen. Ihre Tochter reagiert so, wie sie es bereits vermutet hatte. Sie schreit sie an und sie verbeißt sich die Tränen. Sie will keine Schwäche zeigen. Sie ist die Mutter. Sie  muss stark bleiben. Also hält sie es aus, als ihre Tochter unter Türenschlagen die Wohnung verlässt. Wohin sie geht, weiß sie nicht.

*

Das Mädchen ist wütend. Auf ihre Mutter. Ihren Vater. Eigentlich auf die ganze Welt. Keine Klassenfahrt für sie. Seit Monaten hat sie sich darauf gefreut. Nicht, weil sie dann mit ihren Freundinnen zusammen sein kann. Sondern weil es ihr das Gefühl gegeben hätte, normal zu sein. Auch mal dazu zu gehören. Das tut sie nämlich nicht. Man guckt sie komisch an. Weil sie ausgetretene, alte Turnschuhe trägt und keine neuen Sneaker. Weil ihre Klamotten nicht neu sind und sie nur ein altes, langsames Smartphone hat. Weil sie keine Ahnung von Games hat und noch nie etwas auf Netflix hatte sehen können.

Es ist scheißegal, was sie macht. Sie ist immer über. Ihr Vater interessiert sich einen Dreck für sie. Und ihre Mutter ist mit ihrem Leben überfordert.
In der Schule schämt sie sich. Schämt sich dafür, dass ihre Mutter bei den Familien ihrer eigenen Schulkameraden putzt. Schämt sich, weil sie in dem Plattenbau am Ortsrand leben muss. Zwischen einem Haufen gescheiterter Menschen und zerplatzter Träume. Mindestens einmal die Woche taucht die Polizei hier auf.

Eines Tages wird die Polizei auch wegen ihr hier sein. Weil ihre Träume am Ende genauso zerplatzen würden, wie die Träume jener Leute, zu denen sie sich nun setzt. Die Clique ist etwas älter als sie. Aber hier spielt das Alter keine Rolle. Sie hat Bier von ihrem letzten Geld geholt. Das ist ihre Eintrittskarte in diesen Kreis. Hier ist es egal, dass sie nicht dazu gehört. Denn sie gehören auch nicht dazu.

Sie weiß, dass für Menschen wie sie kein Platz in dieser Welt ist. Mit ein bisschen Glück wird sie es mal besser haben als ihre Mutter. Wenn sie nicht so dumm war, sich ein Kind andrehen zu lassen. Wenn sie eine Ausbildung und einen Job bekam, weil man in der Personalabteilung überlesen hatte, wo sie wohnte. Oder weil sich ein Unternehmen ein Aushängeschild leisten wollte, indem es jemanden aus einem sozialen Brennpunkt einstellt. Aber das kommt eher selten vor, wie sie von einer Freundin weiß, die eine Klasse über ihr ist. Auf ihre Bewerbungen hat sie nur Absagen in den vergangenen Monaten erhalten. Denn niemand will jemanden aus dem Ghetto einstellen. Niemand will den Bodensatz der Menschheit haben, der es sich nicht leisten kann, sich hübsche Kleidung für das Vorstellungsgespräch zu kaufen.

Ihre Freundin kellnert jetzt. Ihre Träume genauso zerbrochen wie die aller anderen hier.

Aber noch träumt das Mädchen. Es träumt davon, es eines Tages besser zu haben, während der Typ neben ihr den Arm um sie legt, seine Hand dabei viel zu nah an ihrer Brust. Sie verliert kein Wort darüber, als sie die Bierflasche an die Lippen setzt und trinkt.

2 comments

Wunderbar den Finger in die soziale Wunde gelegt, ohne den Zeigefinger zu erheben.
Teilenswert 🙂

Dankeschön 🙂

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