Vom Irrglauben über BDSM

Ich bin vermutlich die letzte Frau, die diesen Beitrag hier schreiben sollte, aber … vielleicht ist es auch genau deshalb wichtig, dass ICH ihn schreibe.

Ich schreibe Dark Romance. Nicht wenige davon sind genauer gesagt sogar Dark BDSM Romance. Diese Bücher werden von mir – gemäß des Telemediengesetzes, aber auch aufgrund meines eigenen Verantwortungsgefühls – in die Rubrik »Erotik« gestellt, um den – für dieses Thema erforderlichen – Jugendschutz zu gewährleisten.

Ich bin mir dabei bewusst, dass das, was ich da schreibe, in keinem Fall der Realität entspricht und in nicht wenigen Fällen auch sehr grenzüberschreitend ist.

Natürlich lese ich auch selbst dieses Genre, nahezu ausschließlich auf Englisch. Genauso, wie ich früher (und ja, auch heute noch) die »Bodice Ripper« verschlungen habe, deren legitimer Nachfolger die Dark Romance ist. Denn in der Dark Romance sind sämtliche tropes der einstigen »Bodice Ripper« vertreten: Erpressung, Zwangsehe, Rache, Besessenheit … Meine Mutter hat mich deshalb als Teenie schon damit aufgezogen. Mit dem Satz »Halb zog er sie – halb sank sie hin«. Und nicht selten war genau das auch keine 50:50-Verteilung in meinen bevorzugten Büchern. Rückblickend muss ich schmunzelnd erkennen: Ja, man hätte an meiner Buchauswahl damals schon so einiges ablesen können. Ich bin zielsicher auf jene Geschichten angesprungen, in denen es um Uneinvernehmlichkeit/Zwang ging.  Oder um das Schlagwort mal in den Raum zu werfen: um ein »Forced Yes«. Etwas, das sich bis heute nicht geändert hat.

(An dieser Stelle sehe ich gerade emanzipierte/feministische Frauen sich kreischend die Haare raufen. Ladies, seid mir nicht böse, aber ich lese, was mir gefällt und nicht, was politisch korrekt ist. Das ist mein Verständnis von Emanzipation: Das Recht, selbst zu entscheiden, was mir gefällt und mein Leben – was mein Leseverhaltung inkludiert – so zu gestalten, dass ich glücklich bin. Meine persönliche Freiheit findet dabei an der Freiheit anderer ihre Grenzen.)

Es ist jetzt vielleicht keine große Überraschung, aber: Ja, ich weiß, worum es bei BDSM geht – aus eigener Erfahrung und das auch nicht erst seit gestern oder seit dem Buch, das ich »Pantone-Palette« nenne.

Genau deshalb stoße ich aber auch an meine Grenzen.

Gestern Abend habe ich ein Buch abgebrochen, das selbst meine sehr weit gesteckten Grenzen gesprengt hat. Nein, ich werde an dieser Stelle nicht sagen, um welches es geht, denn weder möchte ich mit dem Finger auf die (US-)Autorin zeigen, noch Werbung für etwas machen, von dem ich der Meinung bin, dass es schlichtweg auf den Index gehört. (Dass ausgerechnet ich das mal sagen würde, hätte ich übrigens bis gestern Nachmittag auch nicht für möglich gehalten.)

Mal abgesehen davon, dass das Buch aufgrund des (geschätzten) Alters der Protagonisten in den Bereich »New Adult Romance« gehört, standen mir bei den beschriebenen Praktiken die Haare zu Berge. Entführung, physische und psychische Folter, Konditionierung, Demütigung und Praktiken, die sich an SM anlehnen … bei einer gottverdammten Jungfrau! (Man stelle sich an dieser Stelle mich vor, wie ich gerade Gift und Galle spuckend vor meinem PC sitze.)
Das Mädel hat eine komplette Gehirnwäsche verpasst bekommen – auf nicht mal hundert Romanseiten.

Leute, das ist KEIN BDSM! Das sind Missbrauch und Folter.

BDSM umfasst einen letztlich extrem weiten Bereich an möglichen Spielformen. Immerhin stehen diese simplen vier Buchstaben (eigentlich sechs) für: Bondage & Discipline (BD), Dominance & Submission (DS) und Sadism & Masochism (SM). Jede dieser Begrifflichkeiten hat seine eigenen Ausprägungen/Schwerpunkte, auch wenn sie vielfach in Kombination, wenngleich auch mit unterschiedlichen Gewichtungen, auftreten.

Eines haben sie jedoch alle miteinander gemein: Ihnen allen liegen Vertrauen, Respekt, Verantwortung und Achtsamkeit zugrunde. Auf beiden Seiten.

Für Außenstehende mag es so aussehen, dass der Sadist den Masochisten schlägt, bis dieser heulend und wimmernd am Boden liegt. Bis er Spuren hat, die sich über Tage auf seinem Körper halten. (Um jetzt mal ein Extrem zu skizzieren.)
Aber Außenstehende sehen nicht die Dankbarkeit auf beiden Seiten. Der Masochist braucht, was der Sadist gibt. Der Sadist braucht, was der Masochist gibt.

Für Außenstehende mag es so aussehen, dass der Dom den Sub unterjocht und ihm jegliche Errungenschaft der Gleichberechtigung aberkennt. Ihm Regeln aufgibt im Alltag, ihn kontrolliert und seiner Privatsphäre beraubt. (Auch hier skizziere ich ein Extrem.)
Aber Außenstehende können die Dankbarkeit nicht sehen, die den submissiven Part dazu bringt, sich in diese Regeln fallen zu lassen, den Käfig zu lieben, der ihm ein Gefühl von Geborgenheit vermittelt. Außenstehende sehen nicht die Dankbarkeit des dominanten Parts, dass er einen Menschen sein eigen nennen darf, der ihm das überhaupt erst ermöglicht.

Ich habe selten eine (Sub-)Kultur erlebt, die so dermaßen vom gegenseitigen Respekt geprägt ist wie die BDSM-Szene.

Ich habe erlebt, wie ein Rigger einem anderen Rigger dazwischen gegangen ist, weil dieser unachtsam gegenüber seines Ropebunnys war und dieses zu kollabieren drohte. Ich habe erlebt, wie schnell Menschen auf einer Party eingreifen, wenn jemand in die Kette greift, mit der ein Dom seine Sub führt.

Natürlich ist nicht immer alles eitel Sonnenschein. Auch ich habe am eigenen Leibe erfahren müssen, wie es ist, kaputt gespielt zu werden. Habe erlebt, wie es ist, wenn das Gleichgewicht der Gegensatzpaare nicht existiert. Emotionale Abhängigkeit und psychische Schäden sind die Folge.
Ich habe lange gebraucht, um mich davon wieder zu erholen.

BDSM ist eine ewige Gratwanderung. Ein Spiel an den Grenzen und nicht selten auch ein (gemeinsames) Ausdehnen selbiger. Es ist ein Spiel, das ohne Achtsamkeit, (gegenseitiges) Vertrauen und Respekt nicht funktionieren kann.

Genau deshalb tut es mir in der Seele weh zu sehen, was in letzter Zeit viel zu oft in Büchern daraus gemacht wird.

Dark Romance ist selbstredend nicht realistisch. Auch der darin enthaltene BDSM-Anteil muss nicht zwingend realistisch sein. Das ist er auch bei mir nicht. Diese Bücher bedienen eine Fantasie, aber …

Mein Buch »11« ist – oberflächlich betrachtet – hinsichtlich der dort beschriebenen Praktiken das heftigste Buch, das ich bisher veröffentlicht habe. (Warum es dennoch nicht das Schlimmste von allen ist, wäre einen gesonderten Artikel wert.) Jon entführt Christine, zwingt sie, sich ihm hinzugeben … Aber wenn man mal genauer hinschaut, sieht man, wie viel Aufmerksamkeit er ihr zukommen lässt. Wie kleinteilig er jede ihrer Regungen analysiert, bewertet und sein Verhalten darauf anpasst. Er rückversichert sich, indem er ihre Körpersprache liest und versteht, was sich ihm da präsentiert. Ich lasse ihn nicht umsonst den Inneren Monolog zum Rapeplay zukommen. Das ist Achtsamkeit.
Alles andere wäre Vergewaltigung.

In »Raging Dawn« lasse ich Peter auf Dawns Frage nach einem Safeword sagen: »Der Tag, an dem ich nicht mehr genug auf dich achte, sodass du eines brauchen würdest, wird der letzte Tag sein, an dem ich Hand an dich lege.« Das ist Verantwortung.
Dawn ist zu dem Zeitpunkt Jungfrau. Ich kann ihn nicht einfach machen lassen. Deshalb muss es zwingend so sein, dass sie die Triebfeder ist, die einfordert. Er braucht ihre Rückversicherung, dass er sie nicht überfordert. Und er lässt anschließend jene Achtsamkeit walten, die dazu führt, dass sie sich in kleinen Schritten entwickeln.
Alles andere wäre Missbrauch.

Ich kann nicht erwarten, dass ausschließlich Menschen, die BDSM persönlich und mit Vornamen kennen, solche Romane schreiben. Das wäre vermessen von mir.

Dennoch … BDSM ist mehr als die Praktiken, die ihr mit bloßem Auge sehen könnt.

Wenn ich einen Wunsch frei hätte, ich würde mir wünschen, dass Autoren künftig mit mehr Achtsamkeit an dieses Thema herangehen.

Denn – und auch hier hätte ich nicht gedacht, dass ich das einmal zitieren würde – BDSM ist »More than Grey«.

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