Mafia Romance – oder: nicht jedes Alpha hat ein Omega

Ja ja, ich schon wieder. Ich verspreche, ich zahle für diesen Beitrag auch brav in die Klugscheißerkasse.
Aber es ist ja auch nix Neues, dass ich nicht die Klappe halten kann, wenn mir zu viel Vorurteilsdenken, aka Klischeedenken, vor die Füße fällt.

Worum es geht? Um Vorurteile gegenüber weiblichen Protagonisten in der Romance. In diesem Fall um eine spezielle Form: die Mafia Romance.
Da sind nun Aussagen gekommen, wie: »Lektüre, in der Frauen nur die Pantoffeln holen dürfen« oder »Das kleine Bunny von einem Bad Boy (…) keine Verantwortung im Leben (…)« – die Liste ist beliebig verlängerbar an dieser Stelle.
Also unterm Strich: Frauen in der Romance sind schwach, passiv und alles andere als emanzipiert (ohne diesen Begriff jetzt weiter aufrollen zu wollen). Diese Literatur hat keinen anderen Zweck, als jegliche Errungenschaft der Gleichberechtigung und Stärkung der Rolle der Frauen in der Gesellschaft ad absurdum zu führen.

Ganz ehrlich? Solche Sprüche hängen mir zum Hals raus, zeigen sie doch lediglich auf, dass die Verfechter dieser Thesen sich mit keiner einzigen Romance auch nur im Ansatz mal auseinandergesetzt haben. Da wird lediglich gesehen: »Oh! Ein Alpha male!« Der (wenig logische) Umkehrschluss dieser Menschen ist dann automatisch: Frau muss entsprechend passiv/schwach sein.
Diese These überprüfen? Gott bewahre! Das wäre jetzt zu einfach.

Denn dann wäre gleich im ersten Anlauf auffällig geworden, dass es bei diesen Vorwürfen gar nicht um das Subgenre »Mafia Romance« geht, sondern um ein (charakteristisches) Merkmal selbiger: den Alpha Male. Besagter Typus ist hochgradig verbreitet in der Romance. Ungefähr genauso verbreitet, wie die Vorstellung davon, dass diesem Charakter automatisch eine schwache Frau gegenüber steht. (Mein Humor lässt mich an dieser Stelle doch tatsächlich an die christliche Vorstellung von Alpha und Omega denken. Aber mein Humor ist ja auch ein Schelm, der böses denkt.)

Ich bin jetzt mal ganz kackfrech und gehe an mein eigenes Bücherregal. Da schlummern ca. 2.000 Romances – sowohl physisch als auch digital. Nein, ich werde sie jetzt nicht alle einzeln durchgehen, das würde den Rahmen hier unwesentlich sprengen. Aber ich werde exemplarisch welche aufführen, die allesamt eine Form des Alpha Male beinhalten. Der letzte wird dann speziell einen Alpha innerhalb der Mafia Romance aufgreifen.

Kresley Cole – Nacht des Begehrens (IAD 1)

In diesem Buch finden wir auf den ersten Seiten eine Heldin, die sich nachweislich vor ihrem eigenen Schatten erschrecken kann. Als männlichen Gegenpart den (mittelprächtig soziopathischen) König der Werwölfe und somit einen klassischen Alpha, der so dermaßen von sich selbst überzeugt ist, dass er nicht mal versteht, warum seine Herzdame panisch wird, wenn er ihre Grenzen überschreitet.
Lassen Sie mich raten: Sie stehen jetzt da und jubeln, weil das genau das ist, was Sie unter Romance verstehen?
Joa. Soll ich Ihnen sagen, wie es ausgeht?
Sie hat ihn an den Eiern, weil sie im Verlauf der Handlung merkt, dass sie ein vollkommen falsches Selbstbild hat. Und je mehr sie sich von ihrem familiär antrainierten Selbstbild löst, desto stärker wird sie. Und je mehr sie sich gegen ihn behaupten muss, desto selbstbewusster wird sie.
Am Ende verkehren sich die Rollen. Natürlich wird aus dem Alpha zum Schluss kein Omega. Aber aus dem kleinen, verschüchterten Wesen wird eine starke, selbstbewusste Frau und aus ihm wird ein Mann, der gelernt hat, Grenzen zu akzeptieren und Kompromisse einzugehen. Natürlich wird er das nicht fehlerfrei hinbekommen. Aber er gibt sich Mühe, denn sie weist ihn andernfalls in seine Schranken.

Margaux Navara – Hot and Dirty

In diesem Buch wird eine typische, emanzipierte und selbstständige junge Frau skizziert. Sie studiert, verdient sich ihren Lebensunterhalt selbst durchs Kellnern … Sie ist eine liebe, ganz normale Frau Anfang zwanzig. Die Handlung entspinnt sich, als ihr Wagen kaputt geht und ihr das erforderliche Geld für einen Ersatz fehlt.
Oberflächlich betrachtet sieht der Plot dann wie folgt aus: Autohändler erpresst junge Studentin zu sexuellen Gefälligkeiten.
Nö.
Die Geschichte ist so aufgezogen, dass sie an exakt diesem Punkt nichts anderes hätte tun müssen, als aufzustehen, Anzeige zu erstatten für den Erpressungsversuch, ihre Eltern anzurufen und sich zu schämen, weil sie das erste Mal in ihrem Leben nicht aus eigener (finanzieller) Kraft weitergekommen ist. Ihre Eltern hätten ihr definitiv geholfen.
Was passiert jetzt aber tatsächlich?
Auf einem sehr abstrakten Niveau tatsächlich nichts anderes, als das, was man auch in der Realität sehr häufig erleben kann, wenn es darum geht, die eigenen Neigungen (es geht hier um BDSM) nicht nur zu erkennen, sondern sich auch darauf einzulassen.
Die Situation, die Margaux in ihrem Buch schafft, ist also ein Rahmen, in dem ihre Protagonistin so weit außerhalb ihres normalen Lebens steht, dass sie sich frei fühlen darf und einen Teil von sich erforschen kann, über den sie früher nie auch nur nachgedacht hätte. Sie lässt sich nicht auf diesen Mann ein, weil dieser sie erpresst. Sie lässt sich auf diesen Handel ein, weil sie etwas über sich selbst erfahren möchte. In diesem Rahmen ist sie frei von gesellschaftlichen Zwängen. Sie muss sich auch nicht vor sich selbst rechtfertigen, weil sie Dinge tut, bzw. mit sich machen lässt, die eine emanzipierte Frau nach Alice Schwarzer nun mal einfach nicht zuzulassen hat. Diese Erpressung ist ihre Alibi-Entschuldigung vor sich selbst. Nicht mehr. Und das wissen beide.
Ebenfalls sehr schön in dieser Geschichte ist das Spiel mit den Vorurteilen. Denn beide Protas haben massive Vorurteile, die sie zunächst nicht in Frage stellen. Aus genau diesem Grund führt es letztlich auch zu einem Bruch. Wobei er tatsächlich schneller gewillt ist, mit seinen Vorurteilen (arme Kellnerin, zu verschiedene soziale Schichten) aufzuräumen, als sie mit den ihren (einfacher Mechaniker, zu verschiedene soziale Schichten). Erst als sie das ebenfalls tut, kann der Konflikt hin zum Happy End aufgelöst werden.

Hm … Schon seltsam, dass ausgerechnet eine Romance darauf abzielt, dass Vorurteile noch niemandem geholfen haben, oder?

Ich kann an dieser Stelle noch weiter machen. Ich könnte auch meine eigenen Bücher heranziehen und anhand derer aufdröseln, dass es nur unglaublich selten die Kombination eines starken Mannes und einer schwachen Frau gibt, allein schon aufgrund des Umstandes, weil mit dieser Kombination jegliche Dynamik verloren ginge. Aber das sprengt den Rahmen. Leider.

Romance verfügt über eine gewisse Stereotypie in der Charaktergestaltung. 2008 – also, als ich meine Examensarbeit darüber schrieb – waren es für jedes Geschlecht jeweils acht Grundcharaktere, die man entsprechend miteinander kombinieren konnte. Dieses Thema ist allerdings so umfangreich, dass es einen gesonderten Beitrag verdient, weshalb ich mich an dieser Stelle nur auf einen einzigen Punkt dazu zurückziehen möchte:

Bei acht möglichen Grundcharakteren der Heldin ist lediglich eine einzige davon passiv. Alle anderen reichen von dominant bis kämpferisch oder sehr gefestigt/in sich ruhend.
Ja, dieser eine Typus ist sehr bekannt, was damit zusammenhängt, dass er ein Klassiker aus dem Märchen ist und lange Jahre hindurch regelrecht ausgewälzt wurde: Die Schöne in Nöten auch bekannt als die Verlorene.
Dieser Typus taucht heute hingegen nur noch relativ selten auf.
Ich habe tatsächlich mal ein Buch geschrieben, in dem ein (nicht ganz) Alpha auf besagten Typus Frau trifft.
Mir wurde die Passivität dieser Frau angekreidet. Natürlich gibt es Leser, die diesen Typus nach wie vor bevorzugen, aber dieser Charakter ist ansonsten nicht mal mehr modern. In eine Mafia Romance würde sie darüber hinaus allein deshalb schon nicht passen, weil sie vermutlich als erste erschossen werden würde. Sie ist nämlich ein viel zu leichtes Opfer. Sie kann sich nicht selbst behaupten und ist darauf angewiesen, dass andere dies für sie übernehmen.

Aber zurück zu den Beispielen aus meinem Bücherschrank und damit zu meinem persönlichen Klassiker in der Dark Mafia BDSM ja-ich-weiß-auch-nicht-wie-viele-Label-da-noch-dran-passen Romance:

Kresley Cole – The Professional (The Game Maker Series)

Da sind wir jetzt knietief in allem angelangt, worum es ursprünglich ging. Ein Enforcer der Bratva und dann auch noch dominant. Und sadistisch! Ach ja: Tätowiert ist der gute Mann auch. Bis unter die Halskrause.
Der Typ ist so dermaßen Alpha, der wird fürs Töten bezahlt, nicht fürs Reden.

Und sie? Ist eine ganz normale US-Bürgerin. Auf der Suche nach ihrem (russischen) Vater. Jenem Mann, der besagten Alpha überhaupt erst losgeschickt hat, um seine Tochter zu finden. Ich denke, Sie sehen, wie der Plot verläuft.
Was Sie nicht sehen, ist, dass besagte Prota sich so gar nicht beeindrucken lässt von dem großen bösen Wolf, den sie im übrigen total sexy findet. Auch wenn ihr diese Mafia-Kiste gewaltig stinkt. Zwischen den beiden entspinnt sich ein recht amüsantes Spiel: Er will sie. Sie will ihn. Eigentlich einfach. Dann kommt, nennen wir es einfach so, sein Gewissen hinzu und er zieht sich zurück. Also tapert sie ihm hinterher. Dann schiebt Papa (auf dramatische Weise) das Spiel an, die beiden werden ein Paar. Das ist jetzt die Stelle mit dem heißen Sex und dem Weibchen, das demütig die Pantoffeln trägt? Denkste! Der Kerl zieht den Schwanz ein. Er hat moralische Bedenken, der Tochter des wichtigsten Mannes in seinem Leben weh zu tun. Jener Frau, die er geschworen hat zu beschützen. Was nun in seiner Logik ihn einschließt. Stinkt ihr übrigens gewaltig. Und sie provoziert ihn und tut so gar nicht das, was eine brave Verlorene halt so täte.
Das Ende vom Lied ist: Sie kriegt, was sie will, und er muss halt seinen Stolz einfach mal runterschlucken. Ist ja nur zu seinem Besten.

Es erfolgt in diesem Roman übrigens keine Läuterung des Helden, die über »Alter, hast du noch alle Latten am Zaun?« bzw. »Sprechenden Menschen kann geholfen werden.« hinausgeht. Stattdessen wird jedoch ein Bild des kriminellen Umfeldes gezeichnet. Die Hintergründe beleuchtet, die übrigens auch den Grund einschließen, aus dem sie in den Staaten aufwuchs und nicht bei ihrem Vater. Da wird auch nichts beschönigt. Auch die Vergangenheit des Alphas kommt auf den Tisch. Und die ist wirklich bitter.
Es wird auf eine sehr einfühlsame Weise skizziert, wie es überhaupt so weit hatte kommen können. Aber es findet auch keinerlei Romantisierung statt. Mafia ist Scheiße. Da macht man sich nichts vor. Dennoch kann es Gründe geben, aus denen Menschen kriminell werden … und trotzdem liebenswert sind. Darin unterscheidet sich diese spezielle Form der Romance absolut nicht von der Realität.

Natürlich ist sie deswegen noch lange nicht realistisch. Das will sie ja auch gar nicht. Aber …

Auch in der Realität ist es nicht so einfach möglich, dieses Pauschalurteil »Wer kriminell ist, ist immer böse, schlägt seine Frau etc. pp.« in den Raum zu werfen. Die Besuchszeiten in den Strafanstalten erzählen da ganz andere Dinge. Und das sind nicht nur jene Frauen, die sich von der »gefährlichen Aura des Straftäters« (ich überdramatisiere das gerade) angezogen fühlen. Das sind vielfach Ehefrauen, Partnerinnen, die mit diesen Männern schon zusammen waren, ehe diese eingefahren sind.

Aber natürlich gibt es auch den »typischen Kriminellen«. Jenen Mann, der seine Frau misshandelt, Drogen dealt … das lässt sich jetzt noch unendlich in die Länge ziehen.
Aber dieser wird in der Mafia Romance auch nicht skizziert. Und falls doch, ist er auch tatsächlich »der Böse« in der Gleichung. Denn auch die Mafia Romance will keine Glorifizierung der Kriminalität. Ein solches Setting (wobei Mafia an dieser Stelle ein recht dehnbarer Begriff ist, denn es kann auch alles andere sein, was Kriminalität impliziert) will etwas ganz anderes: Es bietet einen Raum für Charaktere, die man in anderen Subgenres gar nicht skizzieren könnte. Gebrochene Persönlichkeiten, »schmutzige Helden«. Es ist eben nicht immer alles eitel Sonnenschein. Und das darf auch genau so beleuchtet werden.

Ich kann – außerhalb der Mafia Romance – nur sehr schwer einen Mann skizzieren, der aufgrund eines Verlustes vom Schmerz zerfressen ist und auf Rache sinnt. Sobald ich das in ein normales Umfeld bringe, stoße ich an meine Grenzen. Denn in einer normalen Romance würde man diese Angelegenheit der Polizei überlassen. Dort würde ein solcher Mann vermutlich selbst Polizist werden, um den Fall von damals aufzuklären. Und in dieser Romance wäre eine Partnerin jene, die ihn von seinem Schmerz durch die Liebe befreit. In jeder anderen Romance würde der Held eine Form von Heilung erfahren und seine Rache aufgeben, weil er erkennt, dass sie den Konflikt nicht lösen kann.

Womit wir auch schon beim Kern angekommen sind: Mafia Romances beinhalten nicht zwingend Heilung. Sie ist tatsächlich sogar eher selten. Die Liebe löst den Konflikt nicht, sie hält ihm stand. Die Liebe mag die Protagonisten dabei verändern, in der Regel sogar beide, aber sie wird nichts dazu beitragen, den Konflikt der Handlung zu lösen. Vielleicht verkompliziert sie es sogar, denn ein liebender Held ist verwundbar.

In einem Setting mit organisierter Kriminalität habe ich als Autor zudem die Möglichkeit, eine alternative Gesellschaft zu skizzieren. Genauso, wie es bspw. »John Wick« oder Serien wie »Breaking Bad« und »Sons of Anarchy« ja auch machen. Und auch hier sieht man – genauso, wie in der dazu passenden Romance – dass gerade diese gebrochenen und dadurch auch erheblich komplexeren Charaktere geschaffen werden. Es wird erheblich mehr Gewicht auf die Ausleuchtung der Charaktere gelegt, als in anderen Filmen oder Serien.

Und je länger ich darüber nachdenke, desto mehr drängt sich mir eine These auf:
»Je kriminalisierter eine Geschichte ist, desto ausgeleuchteter und vielschichtiger werden auch die Charaktere.«
Immerhin muss man ja transparent machen, warum der Protagonist nun in diesem Milieu und nicht in einem anderen unterwegs ist. Der Erklärungsdruck in Richtung des Lesers erzwingt es doch eigentlich schon. Denn ein flach gezeichneter krimineller Prota wäre nicht mehr liebenswert. Der wäre einfach kriminell.

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